Dienstag, 24. Juni 2008

Salon - Seite 2

Ah, da kommt Em endlich, mit gestärktem Häubchen, leicht zerknitterter Schürze vor ihrem breiten Becken und rotglühenden Wangen. Das gefüllte Tablett mit feinem Porzellan, silberner Teekanne, Teller mit Gebäck und Schälchen mit clotted Cream und bester Konfitüre hält sie fest in ihren rauen Händen, an ihren vollen Bauch gedrückt. Sie zwitschert geschäftig vom neuesten Klatsch in der Straße, schamhaft bemüht mir nicht in die Augen zu sehen.

Ich sitze hier an meinem Tischchen am Kamin und schreibe konzentriert, nach außen hin ein geradezu tugendhaftes Bild der alten Dame, die ihren Schriftverkehr erfüllt - während ich wissend in mich hinein lächle. Ich zupfe nachdenklich an den Bändern meiner Haube und blicke sinnierend auf Em´s stattlichen Hintern, der sich rund und groß unter ihrem Kleid abzeichnet, während sie den delikat geschmiedeten Funkenschutz des Kamins vorsichtig beiseite rückt und sich nach vorne bückt, um Brennstoff nachzulegen. Was sie wohl über mich denkt? Sitzt meine Maskerade der ältlichen Witwe so fest, dass selbst die Menschen mit denen ich mit tagtäglich umgebe nichts ahnen?

Irrsinniges Lachen will in mir hochkochen. Wenn Jack wüsste wen ich jetzt gebe - er würde es wohl kaum glauben. Ich im übrigen ebensowenig. Ich straffe den Rücken und schlucke den Lachkrampf tapfer herunter, während ich meinen Blick auf Ems Fesseln lenke, die stramm und sicher in robusten Damenstiefeln stecken und bei ihrer Arbeit unterm Saum hervorluken. Nicht unbedingt schön, aber kräftig. Stiefel wie Beine. Eigentlich sollte Anders sich um solche Aufgaben kümmern (das Feuer schüren, nicht der Beischlaf mit meiner Dienstmagd in der Vorratskammer), aber meiner Vermutung und Ems erhitzten Anblick nach, braucht der arme Mann noch einige Minuten Erholung. Ich hoffe nur mein Tee ist noch heiß.

Salon - Seite 1

Die Jahre sind nicht spurlos an mir vorbeigegangen... nun sitze ich hier in meinem Salon, mein einstmals rabenschwarzes Haar verblasst zu einem welken grau, hochgesteckt in einem dieser schrecklich züchtigen Stile für alte Frauen. Das Feuer im Kamin ist angeschürt und durch einen Spalt zwischen den schweren samtenen Vorhängen kann man einen Blick auf die hektisch-regenfeuchte Straße erhaschen. Menschen aller Couleur hasten über die glitschigen Pflastersteine und durch das triste Novemberwetter, während ich, die gestrenge Mlle. Bombardier, geradezu sittsam die teure Seide meiner Röcke glatt streiche und darauf warte, dass Em endlich den Darjeeling und meine Scones serviert. Meine Hände gleiten genießerisch-tastend über den schwarzen Stoff. Eine unglaubliche Scharade, fast muss ich laut auflachen.

Die Zeitung – Anders hat sie einem der Zeitungsbengel auf der Straße abgekauft – liegt gefaltet auf dem dunklen Holz des Tischchens neben mir. Wenn ich die Augen anstrenge, kann ich die Schlagzeile erahnen. „Luftschiffe seiner Majestät schlagen die verruchten Luftpiraten“ - ich weiß, dass es eine Lüge ist. Ich sollte meine Augengläser benutzen um zu lesen – sicher – aber vielleicht ist dies ein letzter Luxus den ich mir gönne – auch wenn ich damit nur mich selbst betrüge. Als Dame gibt man es sicherlich nicht gerne zu – dennoch: ich bin alt. Aber – und darauf bin ich stolz – ich habe viel erlebt. Mehr als den, ach so anständigen Frauenzimmer unserer feinen Gesellschaft, gepresst in fischbeinerne Käfige, erlaubt ist, als schicklich gilt. Ich habe die Welt gesehen, ich habe Leidenschaften gesehen, Liebe, Sex, Maschinen, Aeronauten, Piraten, Politik, Hurenhäuser, glitzernde Wunderdinge und die abscheulichsten Untiefen der menschlichen Seele (die sich tatsächlich oft hinter einem edlen Anzug in der Brust eines angeblichen Gentleman verstecken...)

Wir leben in einem Zeitalter der Wunder und der Technik - noch heute spüre ich fast den Wind in meinem Gesicht, kann den Rauch und den Dampf riechen, kann die Musik vernehmen, zu der ich mit gerafften Röcken mit meinen Liebsten tanzte, die Hände spüren die – nun, das führt an dieser Stelle zu weit.

Auch wenn ich dieses Büchlein nur für mich selbst schreibe – zur persönlichen Erinnerung an Menschen (die Meisten schon längst in der Schöpfung vergangen – kurz und heftig aufgeblüht, zu Staub zerfallen und verweht) und seltsame Geschichten die ich erlebte, oder die mir zu Ohren kamen. Ob es ein schickliches Werk wird? Nun – möge die Zeit entscheiden – allerdings habe ich es bisher nie wirklich zu Wege gebracht ein – wie nennt man es ? - „anständiges“ Leben zu führen. Es war schlichtweg einfach zu langweilig.

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Mlle.Bombardier - 24. Jun, 10:52

Erstaunliche Seiten über die Wunder unserer Zeit

Meine Kommentare

nö... waren ja auch...
nö... waren ja auch keine hardcore fans dabei....
bitchwitch - 30. Jun, 20:14

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